Life Is Strange – Game Is Mindblow

Hinweis vorweg: dieser Artikel könnte womöglich Spoiler zum Spiel enthalten. Da jeder persönlich „Spoiler“ anders definiert, erfolgt das Lesen (wie sowieso immer auf diesem Blog) auf eigene Gefahr.

Zeitreisen. Wäre doch schön, oder? Die Zeit zurückdrehen, Dinge anders machen. Falsche Entscheidungen revidieren. Oder verschiedene Optionen ausprobieren und die sinnvollste Möglichkeit auswählen. Genau in dieser Position ist man bei Life Is Strange. Wir spielen Max Caulfield, eine junge Dame, die nach ein paar Jahren außerhalb in ihre Heimatstadt zurück kommt, um am dortigen, renommierten College Fotografie zu studieren.

Das Spiel ist in Episodenform erschienen, wie man es am bekanntesten von den Telltale-Spielen kennt. Ursprünglich sollten die Fortsetzungen im 6-Wochen-Rhythmus erscheinen – müßig zu sagen, dass das natürlich nicht funktioniert hat. Aber gut, jetzt sind alle fünf Episoden da und für mich ist es an der Zeit, ein Resumé zu ziehen.

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Die erste Episode hatte ich mir einzeln gekauft, da ich durch Twitter und in diversen Podcasts neugierig darauf gemacht wurde und war davon so begeistert, dass ich mir Episode 2-5 direkt im Anschluss als Season-Pass zulegte. Ich war angetan vom Grafikstil, der in einem sehr dezenten gezeichneten Look daherkommt. Und der Soundtrack hat mich von der ersten Episode an umgehauen. Großartige Musik zum Träumen.  Gleichzeitig war ich erfasst von der Atmosphäre des Spiels und neugierig auf die Story.

Zwei Dinge sollte man bei diesem Spiel auf jeden Fall mitbringen: Zeit und die Fähigkeit, sich einem Spiel hinzugeben. Es ist kein Spiel, dass man anschmeißen kann, wenn man gerade mal ein Stündchen zum Zocken hat. Nein, man sollte schon Zeit für eine komplette Episode, also rund 3 bis 4 Stunden, mitbringen. Und danach aufzuhören ist gar nicht mal so leicht. Hat man jetzt den Vorteil, gleich mit der nächsten Episode fortzufahren, musste man bisher eben warten – und dieser Wartezeit wurde nach jeder Episode schwerer. Endeten die Episoden 1 und 2 noch mit einem recht entspannenden, aber neugierig machenden Cliffhanger, so waren die Episoden 3 und 4 am Ende schon ziemlicher Mindfuck – allen voran Nummer 3. Selten hat mich das Ende eines Videospiels noch Stunden und sogar Tage danach darüber nachdenken lassen. Well played…

Vom generellen Spieltempo her verhält es sich ähnlich. Die Episoden 1 und 2 sind tatsächlich eher langsam. Dabei aber keineswegs langweilig, denn man erfährt viel, lernt die Personen kennen und darf viele Entscheidungen treffen. Episode 3 zieht da schon deutlich das Tempo an, bietet auch zumindest ein wenig Action und ordentlich Spannung. Das selbe gilt für Teil 4, die vielleicht spannungsreichste Episode. Eigentlich bin ich kein Fan von Detektiv-Spielen, aber in diesem Falle hat es wirklich Spaß gemacht. Sofern man denn im Falle von Life Is Strange von „Spaß“ reden möchte. Das Spiel behandelt eine sehr ernste und düstere Geschichte und darin nicht minder ernste Themen, bringt aber dennoch den nötigen Spielspaß rüber. Und das, ohne dass man sich, wie beispielsweise in Valiant Hearts, tatsächlich wie in einem „Spiel“ vorkommt. Man fühlt sich als Teil der Geschichte. Man kann tatsächlich von „erleben“ sprechen.

Da das Spiel eben heftige Themen wie Vergewaltigung oder Selbstmord aufgreift, sorgte es auch zur Diskussion über Trigger-Warnungen in bzw. zu Videospielen. Da ich mich als kleiner Hobbyschreiber an dieses Thema schlicht nicht heranwagen möchte, möchte ich zu diesem Thema auf einen sehr guten und absolut lesenswerten Artikel von Dominik Schott auf gamespilot.de verweisen.

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Um auch kurz die – bei diesem Spiel aber wirklich eher dritt- oder sogar viertrangige – technische Seite zu beleuchten: Grafik und Sound sind zwar in Ordnung, aber Lippensynchronität oder großartige Mimik sind leider Fremdwörter. Und, apropos Fremdwörter: Englischkenntnisse sind Pflicht, denn die Sprachausgabe ist ausschließlich Englisch und Untertitel gibt es nur in der Originalsprache oder in Französisch. Die Spielsteuerung (klassisches Third-Person) sagt mir persönlich hingegen besser zu, als die Steuerung der Telltale-Spiele.

Obwohl mir das Spiel sehr gut gefallen hat und es klar eines meiner Top-Spiele diesen Jahres ist, fühle ich ein wenig Ernüchterung nach dem Ende. Was mich tatsächlich ein wenig gestört hat, ist die Action, die späterhin Einzug gehalten hat. Mancher Spieler wird sich da sicher gedacht haben „Endlich kommt mal Fahrt in die Sache“. Ich hätte aber lieber weiter in Ruhe erkundet und das ganze „genossen“ – so ruhig,wie Episode 1 und 2 sich gespielt haben. Zudem wirkten Dinge wie Flaschen sammeln oder einige Try-and-Error-Stellen auch eher als Spielelemente aufgesetzt. Und selbst die Kernmechanik des Spiels, also die Möglichkeit, die Zeit zurückzudrehen, fühlte sich gelegentlich nur wie schlichtes Nutzen einer Quicksave-Funktion an. Und bei näherer Betrachtung ist sie das ja auch, allerdings eben durchaus gekonnt als Spielmechanik integriert und gut in der Story verwoben.

Fazit:
Empfehlen würde ich Life Is Strange jedem, der, wie eingangs erwähnt, sowohl die nötige Zeit als auch die Fähigkeit, sich in ein Spiel „fallen zu lassen“ mitbringen kann. Wer Action oder Fun als Pflichtelement in einem Spiel sieht, wird mit Life Is Strange ziemlich sicher eine Bruchlandung hinlegen. Oder wird zumindest jede Menge verpassen.

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Vasco Da Gamer
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Vasco Da Gamer

1983 geboren, am Amiga 500 in der Videospieltwelt domestiziert.
Ist keinem Genre wirklich ab-, aber auch keinem speziell zugeneigt.
Spielt neben Videospielen hin wieder auch E-Bass.
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